Judy’s und Ena’s Musicalchallenge

Musicalchallenge meets… Lukas Witzel

Lukas Witzel wurde in Fulda geboren und studierte Musik und Geschichte auf Lehramt in Mainz, wo er auch einige Jahre als Darsteller, musikalischer Leiter und Vocal Coach, Mitglied der Mainzer Musical Inc. war.

Hier sammelte er als „Aaron Fox“ in Curtains – Vorhang auf für Mord, „Dr. Frankenstein“ in Frankenstein Junior oder „Benny“ in In the Heights erste Bühnenerfahrung.

Sein Profidebüt gab der Preisträger der MUT Wettbewerbe 2017 als „Hedwig“ in Hedwig and the angry Inch.

Es folgten Rollen in Otello darf nicht platzen, Spamalot, Im weißen Rössl und Tanz der Vampire, bevor er im letzten Jahr den „Riff Raff“ in der Rocky Horror Show bei den Clingenburg Festspielen verkörperte und zum Publikumsliebling gewählt wurde.

Derzeit steht Lukas als Principal Swing / Cover „Professor Abronsius“, Cover „Herbert“, Cover „Chagal“, Cover Nightmare Solo 1 und 2 im Musical Tanz der Vampire in Oberhausen auf der Bühne.


In unserem Interview verrät er uns, wie er zum Musical gekommen ist, wie es ihm am besten gelingt von einer Rolle abzuschalten und wie ihm die gedankliche Abgrenzung der verschiedenen Tanz der Vampire Rollen gelingt.


Wie bist du zum Musical gekommen? Du hast ja zunächst Musik und Geschichte auf Lehramt studiert.

Ich habe schon als Kind gerne gesungen und nach dem Stimmbruch im Chor in meiner Heimat erste Bühnenerfahrung als Solist gesammelt. Parallel wusste ich aber auch bereits in der Grundschule, dass ich einmal Lehrer werden möchte. So habe ich mich dann nach dem Abitur auch für die „sichere Variante“ entschieden, statt es mit Gesang oder Musical zu probieren. Durch meine Teilnahme an 5 Produktionen der Musical Inc. habe ich dann entdeckt, dass mir dieses Genre erstaunlich viel gibt und so reifte die Idee, es nach dem Studium per Quereinstieg zu versuchen.

Wo siehst du dich in 10/15/20 Jahren? Bühne oder Klassenzimmer?

Das ist ganz schwierig zu sagen. Zur Zeit könnte ich mit meinem Beruf nicht glücklicher sein. Ich genieße es sehr, auf der Bühne zu stehen. Wie sich das über die Jahre entwickelt, besonders dann, wenn ich mal keinen Job haben sollte, das kann ich nicht sagen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass es mich beruhigt, mein (bald) abgeschlossenes Studium als Plan B in der Hinterhand zu haben.

Deine ersten Bühnenerfahrungen hast du bei der Mainzer Musical Inc. gesammelt. Was hat dich der Verein gelehrt?

Dieser Verein hat mich sehr stark geprägt und viel dazu beigetragen, dass ich zu dem Menschen wurde, der ich heute bin. Darüber hinaus habe ich durch die Arbeit im Kreativteam als Musikalischer Leiter viel über den Entstehungsprozess einer Musicalproduktion gelernt. Außerdem hat mich die Zeit gelehrt, was man mit der nötigen Leidenschaft und mit viel Herzblut alles erreichen kann — nämlich eine semi-professionelle Show zu kreieren, die jedes Jahr über 4000 Menschen begeistert und vielen Profiproduktionen in nichts nachsteht.

Bist du dort immer noch (auf oder hinter der Bühne) aktiv oder besuchst du Vorstellungen, sofern es deine Zeit zulässt?

Leider schaffe ich es nicht mehr, auf oder hinter der Bühne dabei zu sein. Mir ist es aber extrem wichtig, mindestens zwei Shows jedes Jahr zu besuchen, um mir ein Bild von beiden Besetzungen zu machen. Ich bin einfach stolz auf diesen Verein und darauf, ein Teil davon zu sein. Und wenn ich dann vielleicht sogar noch an einem Termin ein wenig Wein am Weinstand verkaufen kann, dann bin ich besonders froh.

Eine deiner ersten großen Rollen war „Hedwig“ in Hedwig and the angry Inch. Uns hat das Musical auf verschiedenste Art sehr berührt. Was hat die Rolle mit dir gemacht?

Hedwig war mein Debüt auf einer Profibühne und direkt mal eine wahnsinnig große Herausforderung. Ich habe es sehr genossen, dieses intensive Stück zu erarbeiten und dem Publikum diese außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. An der Rolle der „Hedwig“ bin ich gewachsen — nie zuvor hatte ich so große Emotionen und eine solche Art der Selbstzerstörung auf einer Bühne darstellen müssen bzw. dürfen. Mein Dank geht an die Produzenten für das Vertrauen und das tolle Kreativteam für die Unterstützung und Anleitung.

Hedwig ist eine gebrochene und auch sensible Person (auch wenn es auf den ersten Blick anders scheint), die in ihrem Leben bereits viel durchmachen musste. Wie herausfordernd ist so eine Rolle und wie viel nimmt man davon nach der Vorstellung mit nach Hause?

Sich in eine solche, vom Leben gezeichnete Person hineinzuversetzen ist sehr schwierig. Das Buch und die Musik haben mir sehr geholfen, sie besser zu verstehen und nach und nach kommt man dann an Punkte, in denen eine authentische Darstellung gelingt.

Mir gelingt es zum Glück recht gut, Rollen mit dem Schlussapplaus wieder loszulassen. Das einzige, was ich aber natürlich mitnehme, ist die Erschöpfung. Die war nach „Hedwig“-Shows schon sehr groß. Erschöpft, aber (meistens) glücklich.

Was machst du am Liebsten um von einer Rolle abzuschalten?

Wenn ich nach Shows nach Hause komme, dann schalte ich am liebsten eine gute Serie an. Das hilft, um auf andere Gedanken zu kommen… Inhalieren steht auch meistens auf dem After-Show-Plan, damit die Stimme gut befeuchtet in die Nacht geht.

Gibt es eigentlich konkrete Textvorgaben bei Hedwig, oder konntest du bei jeder Vorstellung einfach die Sau rauslassen und auch mal improvisieren?

Hedwig hat selbstverständlich ein Textbuch. An das muss man sich auch halten. Darüber bin ich auch froh, weil ich ja Musicaldarsteller und nicht Improvisationskünstler bin. Gerade wenn man eine so komplexe Person darstellt, hilft es sehr, sich an das vorgegebene Textmaterial zu halten, damit auch wirklich die Rolle auf der Bühne steht und nicht ein improvisierender Lukas in Frauenkleidung.

Im letzten Sommer hast du als Riff Raff in der Rocky Horror Show bei den Clingenburg Festspielen auf der Bühne gestanden und bist zum Publikumsliebling 2019 gewählt worden. Was bedeutet eine solche Auszeichnung von Zuschauern für einen Künstler?

Zunächst einmal war ich wirklich überrascht. Ich habe als einer von wenigen nur das eine Stück gespielt und sah mir als „Riff Raff“ auch nicht gerade ähnlich. Umso mehr habe ich mich dann gefreut! Gute Kritiken zu bekommen, ist eine Sache, aber wenn viele Zuschauer sich animiert sehen, mir ihre Stimme zu geben, weil ich ihnen scheinbar positiv aufgefallen bin und sie mich in Erinnerung behalten haben, dann ist das eine besondere Ehre! Obendrein ist die Trophäe wirklich hübsch. 🙂

Was hat für dich die Rolle des Riff Raff ausgemacht? Wie hast du den Zugang gefunden?

Das besondere an „Riff Raff“ ist, dass er nicht viel sagt, aber fast immer da ist! Mit dem Textlernen war ich recht schnell fertig, dann musste ich mich darauf konzentrieren, all die Pausen zu füllen, in denen ich zu sehen bin, aber nichts zu sagen habe. Dabei half die Skurrilität der Rolle. Verrückte Blicke und Bewegungen haben mir geholfen, manche Lücke zu füllen und „Riff Raff“ gleichzeitig ein Profil und einen Charakter zu geben.

Die Story des Stücks ist ja doch etwas skurril. Siehst du Parallelen zur „realen Welt“ und wenn ja, welche?

Der Drang, etwas zu erschaffen, das einer gewissen Perfektion entspricht, ist auch in der realen Welt zu finden. Auch sexuelles Verlangen bestimmt an mancher Stelle unser Leben. Allerdings hat die Rocky Horror Show meiner Meinung nach nicht den Anspruch, die Realität abzubilden. Sie spielt eher mit Absurditäten, Überspitzungen und Schockmomenten.

Du stehst derzeit als Principal Swing bei Tanz der Vampire in Oberhausen auf der Bühne und coverst Professor Abronsius, Chagal, Herbert und beide Nightmare Soli. Alles Rollen, die unterschiedlicher nicht sein können. Wie bereitest du dich jeweils vor? Und wie schaffst du für dich gedanklich die Abgrenzung der einzelnen Rollen?

Ich nutze den jeweiligen Tag, an dem ich eine Rolle übernehme, um mich auf die Rolle einzustellen und gehe die gesamte Show durch. Unmittelbar vor der Show singe ich mich sorgfältig ein und unterscheide hierbei auch zwischen den Rollen, indem ich passende Einsingübungen wähle. Sobald ich in Maske und Kostüm bin, ist eine Abgrenzung zu anderen Rollen nicht mehr nötig. Ich vergleiche es gerne mit Zuggleisen. Sobald ich als Zug auf der Schiene der jeweiligen Rolle stehe, fahre ich durch die Show. Solange ich mich auf die Gleise vor mir konzentriere, sollte alles glimpflich ablaufen…

Hast du eine favorisierte Tanz der Vampire Rolle? Welche macht dir am meisten Spaß?

Alle Rollen machen mir sehr viel Spaß, gerade weil sie so unterschiedlich sind. „Herbert“ ist besonders, weil er sehr wenig Bühnenzeit hat, aber total absahnt, wenn er dann mal da ist. Der „Professor“ ist eine besondere Herausforderung, weil er sehr viel Bühnenzeit und Text hat. Danach weiß man, was man gearbeitet hat… „Chagal“ liegt mir persönlich am entferntesten und gerade darin liegt der Reiz der Rolle für mich. Ich bin sehr froh und dankbar, so viele verschiedene Charaktere darstellen zu dürfen und genieße die Abwechslung.

Aristoteles, Empedokles, Aeneas, Parmenides. Und Nikomachos, Diogenes, Antiochos, Maimonides! Schon beim Riechen, spür’n wir die Weisheit der Griechen.“ Für uns schon einzeln und langsam gesprochen eine Herausforderung… Wie lange hast du gebraucht um fehlerfrei durch den Songtext zu kommen? Kann man schummeln?

>Bücher< wirkte für mich am Anfang tatsächlich wie ein unüberwindbarer Berg. Aber mit viel Geduld und Fleiß ist dann zum Glück irgendwann der Groschen gefallen. Jetzt besteht die Kunst eher darin, den Song passieren zu lassen. Wenn ich anfange zu sehr über die einzelnen Worte nachzudenken, dann kommt der Knoten in die Zunge und das Kauderwelsch beginnt… Dann muss ich kurz mit Fantasieworten schummeln, bis ich den Faden wieder gefunden habe.

Tanz der Vampire ist ja bekanntlich seit vielen Jahren erfolgreich. Was glaubst du, was den Reiz an dem Stück ausmacht?

Ich finde, Tanz der Vampire ist ein Erlebnis. Eine lustige, emotionale und auch ein bisschen gruselige Geschichte trifft auf wahnsinnig schöne Musik, großartige Choreographien und wunderschöne Bilder auf der Bühne. Alles ist sehr gut durchdacht und optimiert. Gesang, Tanz, Spiel, Makeup, Kostüme, Bühnenbild, alles ergibt einen wunderschönen Musicalabend, dem jede und jeder, mit dem ich bisher nach der Show gesprochen habe, etwas abgewinnen konnte. Manche ja sogar so viel, dass sie es sich schon 10, 50 oder sogar über 100 mal angeschaut haben.

Gibt es eine Traumrolle oder ein Traummusical, welches du unbedingt einmal spielen möchtest?

Es gibt zur Zeit viele tolle neue Stücke, die ich gerne spielen würde, von denen ich aber leider nicht glaube, dass sie es in Deutschland schaffen könnten. Trotzdem sage ich, dass ich liebend gerne The Book of Mormon oder Dear Evan Hansen spielen würde. Außerdem hoffe ich sehr, dass Kinky Boots eines Tages zurück kommt! Nicht vergessen möchte ich Next to Normal. Dieses Stück habe ich bereits in verschiedenen Inszenierungen gesehen und ich würde sehr gerne mal „Gabe Goodman“ spielen… Aber bald bin ich zu alt, also gerne zeitnah. 😉

Diese eine Frage müssen wir einfach stellen: Was war dein lustigster Patzer auf der Bühne?

Zum Glück sind mir noch nicht so große Pannen passiert, die ich als besonders lustig bezeichnen würde. Hin und wieder bin ich in einer der Strophen von >Bücher< aus der Kurve geflogen und habe „Alfred“ damit zum Grinsen gebracht. Aber ich hoffe nach wie vor, dass das Publikum das auf Grund der rasanten Geschwindigkeit kaum mitbekommen hat. 🙂

Wenn du drei historische Personen zum Essen einladen könntest, welche wären das? Was würdet ihr essen und worüber würdet ihr reden?

Schwierige Frage, vor allem, weil meine Gedanken wegen des Interviews grade in der Musik/Musical-Welt kreisen… daher wohl auch folgende 3:

1. Wolfgang Amadeus Mozart. Ich würde ihm eine Mozartkugel servieren und von ihm wissen wollen, was er noch so vor hatte im Leben, da er ja leider schon mit 35 Jahren gestorben ist.

2. Kaiserin Sissi. Ich glaube, sie hat sehr wenig gegessen im Allgemeinen, also vielleicht einen Salat? Wir schauen dann zusammen das Musical Elisabeth und quatschen darüber, ob sie sich richtig dargestellt fühlt.

3. Alexander Hamilton. Wir essen einen guten Burger, hören dabei Hamilton und ich will auch hier wissen, was er davon hält.

Welche Frage würdest du dir selber stellen, wärest du an unserer Stelle und was wäre die Antwort?

Welche Serie schaust du grade?

Ich schaue zur Zeit die zweite Staffel von „Pose“ und kann sie nur allen wärmstens empfehlen!

Rollentausch: Welche Frage(n) würdest du uns stellen, wärest du der Interviewer?

In welchem Musical und in welcher Rolle würdet ihr mich gerne mal auf der Bühne sehen?

Judy: Ich greife auf deine Essenseinladungen zurück und würde dich sehr gerne in der Rolle von „Mozart“ sehen. Das Stück hat mich sehr beeindruckt und ich mag die Musik sehr. Vielleicht wäre es ja an der Zeit eine neue Inszenierung von Mozart auf die Beine zu stellen und wenn ich dich dann in der Rolle sehen könnte, würde ich mich darüber sehr freuen!

Ena: Ich würde, wie du in der Frage nach der Traumrolle auch schon gesagt hast, gerne mehr „neue“ Musicals in Deutschland sehen! Und da gerne die Originalversion und nichts eingedeutschtes. Die altbekannten haben natürlich auch ihren Reiz, aber ein bisschen frischer Wind tut der Musicallandschaft mal ganz gut, denke ich. Also wünsche ich mir Everybody’s Talking about Jamie mit dir als „Jamie“ nach Deutschland! Einfach, weil ich die Story wahnsinnig interessant finde und ich mir vorstellen könnte, dass du die Rolle gut verkörpern würdest.


Besucht Lukas im Netz!

Facebook: Lukas Witzel

Instagram: @lukaswitzelofficial


Vielen Dank, lieber Lukas, für das tolle Interview! Wir waren kürzlich bei Tanz der Vampire in Oberhausen und durften dein Nightmare Solo 1 bewundern. Es war großartig und wir sind davon überzeugt, dass wir zukünftig noch ganz viel von dir hören werden!

Viele Grüße!

Eure Judy und eure Ena

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