Musicalchallenge

09.02.2019: Backstageführung Der Glöckner von Notre Dame in Stuttgart

Am 09.02.2019 haben wir uns sehr früh mit dem Zug auf den Weg nach Stuttgart gemacht, da wir eine der letzten Gelegenheiten nutzen wollten und uns das Musical Der Glöckner von Notre Dame samt Backstageführung anzusehen. Natürlich kam der Zug nicht ganz pünktlich an, so dass wir uns ein Taxi zum SI Center gegönnt haben.

Das Stage Apollo Theater liegt etwas außerhalb von Stuttgarts Stadtkern und direkt vis-a-vis zum Stage Palladium Theater. Sollte man mit dem Auto anreisen, sind mehr als genug Parkplätze in den Tiefgaragen vorhanden. Beide Theater sind durch den „Erlebnistunnel“ miteinander verbunden. Hier wird mit Licht und Sound auf einer durchgängigen Video Wall der Weg zum „Erlebnis“.

In beiden Theatern befinden sich einige vielseitige Gastronomien. Von Italienisch über Bayrisch bis zu Amerikanisch ist das Angebot sehr breit. Auch für den süßen Hunger stehen Eisdielen, Crêperien und mehr zur Verfügung.

Zur Backstageführung trafen wir uns am Haupteingang und wurden dann in zwei kleinere Gruppen aufgeteilt. Wir hatten Glück und waren mit 10 Personen eine sehr kleine Gruppe. Unsere Guides, Jana und Mark, haben uns freundlich begrüßt und die üblichen Regeln erklärt. Es war, wie bekannt, leider nicht erlaubt Fotos zu machen. Also berichten wir euch so ausführlich wie möglich.

Es folgten einige Infos zur Inszenierung und grundsätzliche Dinge über diese Produktion im Vergleich zu den Vorhergegangenen. Alles in dieser Inszenierung ist sehr minimalistisch gehalten, um das Gefühl des Mittelalters gut zu treffen. Die Inszenierung basiert auf dem Buch zum Thema und ist nicht an den Disney Film angelehnt.

Der erste Halt der Führung war auf einer der zwei Seitenbühnen. Hier konnten wir bereits einige Bühnenteile sehen. Eine der zwei großen Treppen wird hier gelagert und auch einige der sieben Geländerteile standen dort. Diese Geländer sind hauptsächlich aus Echtholz und wirklich schwer. Zwei sind aber auch aus Styropor, da sie im Laufe der Show über die Köpfe der Darsteller hinweg getragen werden und so kein Verletzungsrisiko besteht.

Ebenso waren auf der Seitenbühne einige Requisiten zu sehen. Zum Beispiel die Armbrust oder die Laternen. Insgesamt benötigt das Stück 180 Requisiten, die rund um die Bühne gelagert werden. Manche sind auch auf der Bühne versteckt.

Das gesamte Set, inklusive dem Schachbrett-Boden und auch allen hängenden Requisiten, gehört zur Produktion und sind komplett auch so in München und Berlin zu sehen gewesen. Lediglich ein Teil der Seitenbühnen wurde extra in Stuttgart angebaut um mehr Platz zu haben.

Dann führte unser Weg uns auf die Hauptbühne, die Bretter die für einige die Welt bedeuten. Der bespielte Teil der Bühne ist 170qm groß. Insgesamt steht im Apollo Theater aber eine Fläche von 1000qm zur Verfügung. In die Höhe geht es von der Bühne aus ganze 27m. Dort sind 11 Züge für Licht und Requisiten, wie z.B. die Fahnen, die beim Narrenfest auf der Bühne zu sehen sind, verbaut. Auf der Bühne selbst befinden sich 4 Bühnentürme. In den hinteren beiden sitzt während jeder Vorstellung der 24 köpfige Chor, der immer live singt.

Das Bühnenbild ist der gotischen Zeit des 15. Jahrhunderts nachempfunden. Es stellt hauptsächlich den Glockenturm dar. Die sieben Glocken wiegen 2,5 Tonnen und bestehen aus Styropor mit einem Überzug aus Glasfaser. Sechs der sieben Glocken gibt Quasimodo während der Show einen Namen, die siebte ist namenlos. Im Innern der Glocken befinden sich Sensoren, durch die erkennt die Technik genau, wann sie in Bewegung kommen und kann den originalen Glockenklang aus Notre Dame einspielen. Es war ein sehr beeindruckendes Gefühl unter den Glocken zu stehen und deren Größe ganz anders wahrzunehmen als wenn man im Publikum sitzt.

In der Mitte der Bühne gibt es eine Falltür, die während des Stücks den Zugang zum Glockenturm darstellt. Sie führt zur Unterbühne. Es gibt eine Szene im Stück, in der „Esmeralda“ genau 28 Sekunden Zeit hat, um von der Bühne über eine Seitentreppe in den Unterbühnenbereich zu gelangen und dann durch diese Falltür wieder auf die Bühne zu kommen, Respekt!

Wir wurden dann auf die andere Seitenbühne geführt. Auch hier lagern Requisiten und Bühnenteile. Außerdem sind feste Plätze für die Quick-Changes (schnelle Kostümwechsel) angelegt. Wir durften einen Blick auf die lange Requisiten-Liste für den ersten Akt werfen. Diese und das Vorhandensein der einzelnen Requisiten wird vor jeder Show von einem Requisiteur überprüft.

Hier haben wir kleine Bühnentricks erfahren. So wird „Quasimodo“ natürlich nicht mit echten Tomaten beworfen. Er klebt sich selbst rotes Papier mit einem Gel an, das schnell wieder abgenommen werden kann und die Illusion dennoch aufrecht erhalten wird. Wenn „Quasimodo“ die heilige Messe von „Frollo“ erhält, bekommt er ein Stück Banane zu essen. Diese kann der Darsteller schnell kauen und danach zügig wieder singen. Das wäre mit einer echten Hostie deutlich schwieriger.

Der nächste Halt war der Radio Raum. Hier holen sich die Darsteller ihre Mikros und gehen danach in die Maske. In dieser Produktion war es dem Sounddesigner wichtig, dass man die Mikros seitlich auf der Stirn der Darsteller sehr deutlich sehen kann.

Auf dem Weg zu den Black Boxen (Kostüm-Räumen) kamen wir an den Schwertern vorbei. Diese sind jeweils 1,5 Kilo schwer und tatsächlich echte Schwerter, die unscharf gemacht wurden. Vor jeder Show gibt es einen sogenannten „Fight Call“ in dem alle Darsteller die Kampfszenen nochmal durchgehen und üben.

In der Black Box der Männer lagern alle Kostüme der Darsteller. An jedem Abend spielen 17 Männer und jeder Darsteller hat für jede Rolle die er spielt sein eigenes Kostüm. In der Produktion wird sehr viel mit Magneten gearbeitet. Das ist zum einen sehr erleichternd beim an- und umkleiden und zum anderen sichert es den Sitz, zum Beispiel von „Quasimodos“ Buckel oder „Frollos“ Gewand.

In der Damen-Black Box durften wir einige ausrangierte Kostüme bestaunen und näher betrachten, sogar anfassen. Die Damen haben alle die gleichen Modelle an Lederschuhen. Diese wurden individuell mit Farbe und Bürsten bearbeitet um authentisch alt auszusehen.

Im Theater sind allabendlich 4 Dresser im Einsatz. Zwei sind ausschließlich für „Esmeralda“ zuständig, die anderen zwei teilen sich auf und sind da wo sie gebraucht werden. Sie können auch kleinere Reparaturen an den Kostümen direkt vornehmen. Einige Kostüme sind sehr schwer und die Darsteller benötigen nicht nur bei den schnellen Kostümwechseln Hilfe. So wiegt zum Beispiel der Umhang des Königs alleine schon 5 Kilo.

Alle Kostüme werden mit Airbrush Technik behandelt. So sehen sie authentischer „dreckig“ und „ärmlich“ aus, passend zum Mittelalter. Damit sind sie aber auch leider empfindlicher und können nicht einfach in die Waschmaschine. Sie werden deshalb zur Reinigung abgedampft und/ oder mit einem Wodka Gemisch besprüht, um die Bakterien abzutöten.

Unser nächster Halt war in der Maske. Hier konnten wir die Perücken sehen. Die Frauen tragen während der Vorstellung grundsätzlich alle Perücken, die Herren nur zum Teil. Die Perücken sind alle aus Echthaar geknüpft und werden teilweise mit Kokosöl behandelt um sie „ungepflegter“ aussehen zu lassen. Das Make Up der Darsteller ist sehr dezent gehalten, da im Mittelalter einfach alles sehr natürlich war. Der ganze Ablauf geht in dieser Produktion sehr schnell, die meisten Darsteller benötigen in der Maske nur 10 Minuten.

Der Weg führte dann zur Unterbühne, die genau so groß ist wie die Bühne selber. So hatten wir die Sicht auf die Treppe, die unterhalb der Falltür auf der Bühne nach oben führt. Der Raum ist insgesamt sehr dunkel gestaltet. Während der Show ist dort auch kein Licht an. Es gibt lediglich fluoreszierende Wegweiser für die Darsteller, um das Unfallrisiko zu minimieren. Im Bereich der Unterbühne befinden sich während der Show zwei Requisiteure, die den Darstellern zur Seite stehen.

Bei unserem Besuch waren schon die ganzen Umzugskisten vor Ort. Teilweise waren schon die Requisiten von Aladdin dort gelagert und teilweise waren die Kisten auch bereit, um direkt nach der letzten Show am 10.02.2019 alles vom Glöckner zu verstauen und „Aladdins“ Agrabah einziehen zu lassen. Ein mulmiges Gefühl.

Der vorletzte Stop war im Chor-Raum. Hier singt sich der Chor eine Stunde vor der Show ein. Alle Chormitglieder wurden eigens für die Produktion gecastet und auch unsere Guides sind beide Mitglieder des Chors. Einige der Chormitglieder sind sogar ausgebildete Opernsänger, da das Stück für einen Opern-Chor ausgelegt ist. Es gibt einen klaren Dresscode für alle Sänger. Sie müssen sich schwarz kleiden und die Frauen müssen einen tiefsitzenden Zopf tragen. Während der Vorstellung tragen alle graue Kutten und sitzen oder stehen während der kompletten Vorstellung mit auf der Bühne. Sie dürfen natürlich nicht husten oder sonstige Geräusche machen, da die Mikros jedes Geräusch wiedergeben würden. Auch trinken ist nicht möglich.

Zuletzt brachte uns die Führung in den Zuschauersaal. Hier konnten wir einen Blick in den Orchestergraben werfen. Das 15-köpfige Symphonie-Orchester spielt allabendlich live. Lediglich der Schlagzeuger und der Percussionist mussten aus Platzmangel und aufgrund der Lautstärke ihrer Instrumente ausgelagert werden. Die Darsteller und der Chor sehen den Dirigenten über zwei Monitore, die am ersten Rang befestigt sind. Die Partitur des Dirigenten durften wir uns ebenfalls ansehen. Nur die des ersten Aktes ist ein etwa 3-5cm dickes DinA 5 großes „Buch“, welches wirklich absolut beeindruckend aussieht und auch gleichermaßen schwer ist.

An der Decke des Saals sitzen in 18m Höhe zwei Spot-Fahrer. Sie beleuchten einzelne Darsteller in den Szenen, in denen sie aus ihrer Rolle heraus treten und etwas zur Handlung erzählen.

Im ganzen Saal sind 350 Mikrofone verbaut. Diese nehmen die Stimmen der Zuschauer auf, um diesen Ton dann mit einem Hall wiederzugeben. Dem Zuschauer soll so die Illusion, in einer Kathedrale zu sein, noch realer vorkommen.

An der Rückwand des Saals befindet sich das Mischpult für Ton und Orchester, die Lichtregie für ca. 450 Lichter und Lampen und der technische Dirigent, der Caller. Ohne den Befehl des Callers, läuft während der Show nichts. Erst auf seinen Befehl werden Bühnenteile bewegt oder Requisiten von der Decke herab gelassen.

Damit waren wir dann am Ende der Führung angekommen. Wir können uns an dieser Stelle nur nochmal bei Jana und Markbedanken! Es war super informativ und ein ganz toller Einblick in die Bühnenwelt!

Viele Grüße

Eure Judy und eure Ena

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